Leben in Lindhagen

Meine Geschichte: Wie ich vegan wurde

Als ich 2006 meine Ausbildung zum Landwirt endlich abgeschlossen hatte hielt ich Veganer noch für ein etwas „beklopptes Volk“. Das waren für mich Leute die sich lieber von 300 Fliegen nerven lassen als eine davon auch nur zu verletzen. Jaja, ohne Scheiß jetzt… solchen Menschen bin ich tatsächlich damals begegnet. In meiner Ausbildung auf den Lehrbetrieben aß ich „was auf den Tisch kam“ und da ich ausschließlich auf Biobetrieben gelernt habe war da für mich auch gar keine Schwierigkeit dabei.

Nach meiner Ausbildung änderte sich das aber. Ich mußte plötzlich mit meinem bissl Geld das ich zur Verfügung hatte selbst meine Lebensmittel einkaufen was dazu führte das ich praktisch kein Fleisch mehr aß bis auf wenige Ausnahmen im Jahr die ich wirklich an meinen Fingern abzählen konnte. Es paßte einfach nicht: Biofleisch war unerschwinglich und das bei 5,98 € für 2,5 kg Schweinebraten irgendwas faul sein mußte konnte ich mir nicht zuletzt aufgrund meiner Ausbildung natürlich ganz leicht ausrechnen. Also verzichtete ich ganz einfach darauf. Dafür schlug ich allerdings bei den Milchprodukten völlig über alle Stränge: Käse, Butter, tonnenweise Joghurt und Quark und all das leckere Zeug das die Milchindustrie so bereit stellt. Ich reflektierte nicht darüber das es völlig idiotisch ist als erwachsenes „Säugetier“ Säugetier- Babynahrung zu sich zu nehmen, und zudem auch noch von einer anderen Art. So vergingen die Jahre. Ich habe so ziemlich alles getan was ich als „Landei“ nun mal für „überlebenswichtig“ hielt, einschl. schlachten von Hühnern und Kaninchen.

Im Sommer 2011, den ich ja hier in Lindhagen mit meiner Emma zur Probe verbringen durfte, brachte mich mein Vater mit dem „Waldhörbuch“ in Kontakt. Ich hörte es rauf und runter. Ich trug gewaltige Konflikte mit mir selber und Diskussionen per E-Mail mit meinem Vater aus weil vieles was dort gesagt wurde heftig mit meinen Wertvorstellungen kollidierte. Insbesondere das Kapitel 12 über die Tiere stieß mir bitter auf. Die Vorstellung „schlechte Energien“ zu mir zu nehmen wenn ich Fleisch essen würde war für mich völlig fremd, und aus Sicht des Landwirts auch existenzbedrohend! Ich sah meine schönen Pläne und sprichwörtlich meinen Arsch gefährdet! Die Konsequenzen die daraus entstehen würden machten mir Angst.

Als ich dann im Januar 2012 endgültig hier nach Lindhagen in den Norden Europas zog hatte ich den Kopf voller Ideen und Pläne. Ich fing mit dem an was am einfachsten umzusetzen war: Ich baute den Hühnerstall aus, kalkte ihn und besorgte dann im Sommer ein paar junge Tiere. Einen ausgewachsenen Jung-Hahn und, so jedenfalls versprach es mir die Verkäuferin, 3 ganz junge Hennen. Ich fütterte sie, trug sie jeden Tag einzeln in den Auslauf und wieder zurück abends in den Stall. Eines Morgens Anfang Dezember 2012 kam ich in den Stall und fand den Hahn den ich gekauft hatte tot unter den Sitzstangen liegend. Überall war Blut umher gespritzt bis an die Decke waren die Flecken auf den kalkweißen Wänden zu sehen. Es mußte sich etwas ganz tragisches zugetragen haben. Ich kam in den folgenden Tagen ganz schnell dahinter: Statt 3 Hennen entpuppten sich die Jungtiere als 2 Hähne und eine Henne. Die beiden waren geschlechtsreif geworden und hatten den ersten Konkurrenten schon mal eiskalt abgemurkst.

Ich war gezwungen einzugreifen. Schließlich hatte ich ja immer noch 2 Hähne und die waren sich nicht unbedingt grün. Ich mußte schnell eine Entscheidung treffen… Die Entscheidung WELCHER von beiden in den Ofen wandern sollte zu Weihnachten.

Gedacht getan. Ich entschied, bereitete alles vor und schlachtete. Aber ich fühlte mich hundeelend. Alles in mir zog sich zusammen. Mir war fast schlecht. Ich trieb mich mit Willenskraft voran. Redete mir Vorfreude auf den leckeren Weihnachtsbraten ein, nahm ihn aus und rupfte ihn. Dann wandere er in meine Marinade und ab in den Ofen am nächsten Tag.

Es war Heilig Abend. Ich saß allein hier mit meiner Emma in meiner total eingeschneiten Hütte im schwedischen Wald. Der Geruch von gebratenem Hähnchen zog durch die Wohnung. Aber die Vorfreude war unter den Eindrücken des Vortages sehr gedämpft. Ich holte den Braten aus dem Ofen und probierte. Er schmeckte scheußlich! So scheußlich das ich mich gezwungen sah ihn als Suppenhähnchen zu verwerten. In diesem Zustand verzehrte ich ihn dann über die Feiertage.

Das neue Jahr kam und die Tage und Wochen vergingen. Mein „Bedarf“ an Fleisch war gedeckt. Aber ich hatte immer schon eine gewisse Abneigung gegen „Tierfreund-Vegetarier“ wie ich sie zu nennen pflegte. Menschen die inkonsequenterweise alle tierischen Produkte nutzten außer Fleisch. Weil ihnen die armen Tierchen so leid taten. Ohne dabei zu beachten das Tiere auch für Milch und Eier getötet werden MÜSSEN!

Die Lektionen vom Waldhörbuch kamen mir immer häufiger in den Sinn. Ich hörte es auch wieder häufiger und begann zu verstehn das es wirklich so ist wie es dort geschildert wird. Immer häufiger fing ich an mich vor dem Fleisch in den Auslagen der Supermärkte zu ekeln. Im August 2013 beschloß ich dann von heut auf morgen mein komplettes Hofkonzept (Geschäftsplan und alles was da dran hing) in die Tonne zu treten und vegan zu werden. Mir war klar geworden das das was ich da vorhatte schlicht falsch ist. Jedenfalls für mich.

Seit diesem Tag habe ich ein einziges Mal noch eine einzige Scheibe Wurst probiert, die aber total widerlich geschmeckt hat. Ansonsten war es das wirklich mit tierischen Milchprodukten und Fleisch und Eiern. Das Einzige was ich komplett anders sehe als der große Rest der Veganer ist das Thema Bienen und Bienenprodukte. Ja, ich habe im kommenden Jahr sogar Pläne selber wieder anzufangen zu imkern! Aber das ist eine andere Geschichte.

Ich wünsche euch allen frohe Weihnachtsfeiertage und das ihr gut ins neue Jahr 2016 kommt.

Alles Liebe aus Lindhagen

Hence

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